Nomologisches Netzwerk: Was ist New Work?

Nomologisches Netzwerk zu New Work
Nomologisches Netzwerk New Work (Jörg Wittkewitz)

„Frithjof Harold Bergmann war ein österreichisch-US-amerikanischer Sozialphilosoph und Anthropologe sowie Begründer der „New-Work“-Bewegung.“ So steht es im gleichnamigen Eintrag bei der englischen Wikipedia. Seit wenigen Jahren ziehen Berater und Consultingfirmen durchs Land, die sich mit diesem Etikett „adeln“ wollen. Sie verkaufen Manntage für Consulting, Trainings, Workshops und Konzepte in OE/PE, die gern auch zusammen mit Agilität oder VUCA trendy erscheinen.  Nicht wenige der Inhalte gibt es seit 30 Jahren in der Personal- oder Organisationspsychologie und sind dort mehr oder weniger gut repliziert, also mäßig bis gar nicht erprobt oder kaum auf verschiedene Aufgaben und Kontexte übertragbar. Die theoretische Basis wird nicht valider, wenn Pädagogen, ehemalige Lehrer oder Soziologen mit psychologischen Interventionen direkt am Mitarbeitenden oder dem Team ansetzen. Aber das Thema geht eigentlich deutlich tiefer als bekannte Buzzwords…


Im besten Fall haben die Berater und Trainer wenigstens eine fachliche Ausbildung in diesem Training genossen und es nicht selbst auf Basis von Büchern erstellt wie „Reinventing Organisations“, die völlig auf Evidenz, also geprüfte und nachgewiesene Wirksamkeit, verzichten. Sind sie ausgebildet, kennen sie einige der psychologischen Konstrukte und Interventionamaßnahmen,  die zumindest für einige Stichproben Effekte gezeigt haben. Experimentelle kontrolliert-randomisierte Forschungsdesigns fehlen oft ganz. Und wie immer, wenn  Bedarfsanalysen Mangelware sind, dann wird auch nicht die Nachhaltigkeit einer Investition überprüft. Da ist die Personal- und Organisationsentwicklung wahrlich keine Ausnahme – sondern eher einer der vielen Regelfälle. Abschlussevaluation durch Erheben der Teilnehmerzufriedenheit reicht dem Controller. Will man aber überhaupt erstmal anfangen, evidenzbasiert zu arbeiten, lohnt sich ein Blick auf direkt ableitbare Konstrukte und Metatheorien, die bereits breite Evidenz vorweisen können. Bergmann selbst hat auf einer metatheoretischen Ebene seinen Wertekanonen errichtet, auf dem er die beiden bekanntesten Handlungsfelder gründen lässt: Tun, was man wirklich, wirklich will und eine neue Art der Lohnarbeit, die ergänzt wird durch eigene selbstgewählte Aufgaben. Ja, Sie haben Recht, das erinnert an den Freitag bei Google, wo Entwickler an eigenen Projekten arbeiten dürfen/sollen/wollen.

Wertegebundene Theorie

Die Kernwerte bei Bergman sind Selbständigkeit, Teilhabe und Handlungsfreiheit. Ganz nach den Wünschen von Prilletensky (2001) hat er damit komplementäre Werte identifiziert, die zudem noch die Basiswerte von Community Psychology (Prevention, Collaboration, Mutual Self-help, Coalition Building, Wellness Promotion) auf einer individuellen Ebene präzise ergänzen. Aber deren Ausgestaltung ist schwer für den Durchschnittsbürger umzusetzen. Man soll herausfinden, was man wirklich gern tun würde und die Lohnarbeit im Werk oder am Computer einer Firma oder Behörde soll nur das Lebensnotwendige erwirtschaften. Das erscheint aus Sicht von Klimaforschern sinnvoll, denn aktuelle Ergebnisse zeigen, dass Wohlstand der einzige Generalfaktor für die Klimakrise ist (Wiedmann et al., 2020). So ähnlich hat es auch schon Bergmann vorher gesehen, sich dabei aber zunächst auf die menschliche Gemeinschaft beschränkt. Er hatte eine Selbstermächtigung im Sinn: Die Menschen sollten sich ermächtigen (neudeutsch empowern), eigene Wünsche rund um Arbeit zu realisieren und sich damit aus den Zwängen der Lohnarbeit befreien. Die Industrieproduktion würde sowieso früher oder später vollständig von Robotern übernommen. Schließlich könne man auch daheim einen 3D-Drucker die Arbeit machen lassen, statt selbst am Fließband zu stehen. Robotik und KI wären dann Grundlage der Zeitersparnis. Ob deren Mehrwert aber dem Einzelen zugute kommt, wäre sicher eine Aufgabe, die mit Gedanken um KI/Robotik-Abgaben für ehemlige Industriearbeitende bisher eher unzureichend angedacht wird.

Psychologische Konstrukte und Theorien

Relevant aus psychologischer Sicht ist dabei zunächst der Antrieb für Handlungen wie Arbeit. Arbeit ist aber sowohl kulturell als Gesellschaftsbeitrag wie auch als persönliches Erwerben und Anwenden von Kompetenz begründet. Diese persönliche Seite wird im weitesten Sinne durch Motivation beschrieben. Eine Metatheorie der Motivation liegt seit Deci und Ryan (2008) vor mit der Selbstbestimmungstheorie (SDT), die drei Grundbedüfnisse ins Zentrum stellt: Kompetenzerleben, Autonomie und soziale Bindung. Sie dient als Kern oder Makrotheorie diese nomologischen Netzwerks von New Work. Da Arbeit und Handlung im sozialen Raum oft Ursache und Folge von Identitätprozessen ist, kommt eine zweite wesentliche Metatheorie ins Spiel, die als Theorie der soziale Identität und Selbstkategorisierungstheorie bekannt wurde. Aus diesen beiden Horizonten können einerseits abgeleitet werden der Sinn für Bedeutung als wichtiger Fokus menschlicher Aktion, aber auch Involvement, also die persönliche Betroffenheit als Treiber und Ziel von weiteren Prozessen. Ein erster Entwurf des Netzwerks ist hier visuell dargestellt, um weitere Überlegungen zu initiieren.

Nomologisches Netzwerk zu New Work
Klicken zum Vergrößern! Nomologisches Netzwerk zum Begriff „New Work.“   Bei einer Bearbeitung oder Nutzung bitte die Quelle angeben: (Jörg Wittkewitz, 2021).

 

Deci, E. L., & Ryan, R. M. (2008). Self-determination theory: A macrotheory of human motivation, development, and health. Canadian Psychology/Psychologie canadienne, 49(3), 182–185. https://doi.org/10.1037/a0012801Deci

Prilleltensky, I. (2001). Value-based praxis in Community Psychology: Moving toward social justice and social action. American Journal of Community Psychology, 29, 747- 778. https://doi.org/10.1023/a:1010417201918

Tajfel, H., & Turner, J. C. (2004). The Social Identity Theory of Intergroup Behavior. In J. T. Jost & J. Sidanius (Eds.), Political psychology: Key readings (pp. 276–293). Psychology Press. https://doi.org/10.4324/9780203505984-16

Wiedmann, T., Lenzen, M., Keyßer, L.T., & Steinberger, J.K. (2020) Scientists’ warning on affluence. Nature Communications 11, 3107 . https://doi.org/10.1038/s41467-020-16941-y

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